Buch des Monats Dezember 2017

Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt. (Jorge Luis Borges, 1899-1986)
Die 1937 in Wien geborene österreichische Kinder- und Jugendbuchautorin Renate Welsh – Rabady ist über die Grenzen Österreichs hinweg bekannt geworden, vor allem durch ihr Kinderbuch „Das Vamperl“. Heuer feiert sie im Dezember ihren 80.Geburtstag.
Bei einer Fortbildung des Ländernetzwerkes Treffpunkt Bibliothek Niederösterreich 2017 erlebte ich die Akteure der Bibliothek Rottenmann/Steiermark: Nutzer/innen der Lebenshilfe arbeiten und führen dort die Bibliothek mit Hilfe von zwei Betreuerinnen, die selbst die Ausbildung zur ehrenamtlichen Bibliothekarin absolviert haben. Anfangs stand ich dem Konzept skeptisch gegenüber. Im Workshop erfuhr ich von zwei Mitarbeiterinnen der Bibliothek Näheres über die Hintergründe dieses Projektes.
Sofort erinnerte ich mich an das Buch von Renate Welsh „… und schicke ihn hinaus in die Wüste“ (1981). Darin erzählt sie von Randgruppen, konkret von Drogenabhängigen, die inmitten einer Kleinstadt, in einem Heim angesiedelt werden sollen. Welsh thematisiert die Angst der Stadtbewohner vor der Errichtung des Heimes. Gleichzeitig spiegelt sie die Ressentiments gegenüber den unbekannten Bewohnern wider. Diffuse Ängste und eine Abwehrhaltung gegenüber Allem, was die eigene „heile“ Welt in Gefahr bringen könnte – sind die Dreh- und Angelpunkte des Romans.
Auch im Roman „Johanna“, für den Renate Welsh 1980 den Deutschen Jugendliterarturpreis und den Jugendpreis der Stadt Wien erhielt, geht es um randständige Personen, hier um das Schicksal des Mädchens Johanna, das unterbezahlt auf einem Hof ihren Lebensunterhalt verdienen muss. Welsh – Rabady versteht es, Zeitgeschichte spannend und berührend für junge Leser/innen zu erzählen. Aussenseiter stehen im Fokus, werden in den Mittelpunkt der Betrachtung gerückt. Sie agieren eigenständig, geschickt, klug, sind nicht nur Opfer der (gesellschaftlichen) Verhältnisse. Welsh zaubert Atmosphärisches, das mitschwingt in ihren Texten. Sie vermittelt Literatur zwischen den Zeilen, geht mit Leerstellen über den Text hinaus. Dass sie sich im Vinzi-RastCorti-Haus mit einer Schreibwerkstätte für Obdachlose engagiert, ist vielen unbekannt. „Mit einem Fuß auf zwei Beinen stehen“ (Wiener Dom Verlag, 2013)) dokumentiert die daraus entstandenen Texte.
Renate Welsh – Rabady, geboren am 22.12.1937 in Wien, studierte Dolmetschen und Staatswissenschaften, veröffentlichte ab 1969 für Kinder, ab 1988 auch für Erwachsene. 1995 erhielt sie den Österreichischen Würdigungspreis für ihr Gesamtwerk. Anlässlich der Verleihung des Theodor Kramer- Preises für Schreiben im Widerstand und im Exil 2017 würdigt die Jury die hohe sozialkritische Sensibilität und das von hohem humanistischem Engagement geprägte Ethos ihrer Haltung und ihres Schreibens.
In einem Interview lernte ich Renate Welsh- Rabady persönlich kennen und konnte ihr einige Fragen stellen. (nachzuhören unter: Literaturfenster Österreich: https://cba.fro.at/349586).

Viele Bücher von Renate Welsh-Rabady können im KiBi entlehnt werden!

Cornelia Stahl