Buch des Monats Jänner 2018

Francesca Sanna: Die Flucht.
Zürich: Nord Süd Verlag. 2016.
Übersetzung aus dem Englischen: Thomas Bodmer.
ISBN: 978-3-314-10361-2

Worüber man nicht sprechen kann: Flucht und Krieg
Wer vor unseren Kindern hat Krieg und Flucht miterlebt? Wer kann sich in die Situation eines geflüchteten Menschen hineinversetzen? Kann seine Ängste nachvollzeihen, die er durchlebt hat und vielleicht nochmals in schlaflosen Nächten durchlebt?
Die Flucht führt in zarten Pastelltönen an ein Thema heran, über das man nicht ohne weiteres sprechen kann. Der Anfang der Geschichte gestaltet sich unbedarft. Erzählt wird von einer Familie, die am Meer lebt und die Sommermonate gern am Meer verbringt. Doch das Schwarz an den Rändern der zweiten Seite deutet auf ein unvorhersehbares, dunkles Ereignis hin. Die folgende Doppelseite arbeitet mit Metaphern, sprachlich und farblich. Sie zeigt schwarze Krallen, die von rechts nach links ins Bild vordringen, Städte, Hauser zerstören. Text und Bild ergänzen sich wechselseitig: Der Krieg brach aus. Jeden Tag geschahen schreckliche Dinge um uns herum. Sehr schnell spitzt sich die Handlung zu: Eines Tages nahm der Krieg uns (den) Papa weg. Beide Doppelseiten sind schwarz, lassen nur schemenhaft Überreste eines Menschen, wie die Brille erkennen sowie Überreste einer zerstörten Stadt. Auf den folgenden Seiten wird erzählt, wie die Familie, vor allen Dingen die Mutter, mit dieser veränderten Situation umgeht. Gespräche von Freundinnen der Mutter werden nachgezeichnet, die sich quer durch das Land auf den Weg machten, um nach Europa zu flüchten. Was ist das für ein Land? Fragen die Kinder ihre Mutter. Dort ist man in Sicherheit, antwortet sie. Bildhaft sehr schön umgesetzt ist die Reisevorbereitung: das Packen der Koffer mit den notwendigen Habseligkeiten. Obwohl die Kinder das Land nicht verlassen wollen, fährt die Familie schließlich doch eines Nachts los und ist viele Tage unterwegs. Während der Reise gilt es, viele Grenzen und Hürden zu überwinden und Enttäuschungen hinzunehmen: An der Grenze werden sie zurückgeschickt, verharren im Wald und überqueren schließlich das Meer. Die Bootsfahrt wird zur Odyssee, doch am nächsten Morgen hat das übervolle Boot endlich das Ufer erreicht. Der Leser atmet auf, denn auch er/sie hat beim Lesen diese Reise gemeinsam mit der Familie durchlebt. Ob diese letztendlich gut ausgeht und wo sie endet, können Sie Kindern in Ihrer Bibliothek vorlesen und anschließend darüber sprechen.
Das Buch eignet sich wunderbar, um über eigene Ängste, Verlusterfahrungen zu sprechen und Menschen in unserer Umgebung, in unserem Wohnort besser wahrzunehmen und mit ihnen vielleicht selbst ins Gespräch zu kommen.

Das Buch kann im Kibi entlehnt werden.