Buch des Monats April 2018

Lizzy Hollatko Der Sommer der kleinen Manto
Wien: Verlag Jungbrunnen 2017
ISBN: 978-3-7026-5911-0
88 Seiten, Einband: geb.
Format: 21,3 x 14,3 cm
ab 8 Jahren


„Über was man nicht reden kann, darüber muss man schreiben“, äußerte sich einmal die Kinderbuchautorin Renate Welsh-Rabady in einem Interview. Über existenzielle Themen wie Liebe, Trauer, Abschied,  Verlassensein und wurde schon viel geschrieben. Lizzy Hollatko nimmt sich hier eines sensiblen Themas an: Die Trennung der Eltern steht im Fokus eines Kinderlebens. Erzählt wird aus Sicht eines neunjährigen Kindes, das den geliebten Ort, in dem sie aufwächst, die kleine griechische Insel mit der Mutter verlässt, da ihre Eltern täglich streiten. Nun ihr Kleid mit den vielen bunten Punkten verhilft ihr, der häuslichen Dunkelheit und Disharmonie zu entfliehen.
Hollatko lässt die Geschichte mit einem Abschied beginnen, sie erzählt unaufgeregt in schlichten Sätzen, die weder albern noch naiv klingen. Der Lesende kann sich sehr gut in die Welt Mantos hineinfühlen. Die auftretenden Figuren sind durch ihre Namen und ihr Tun beschrieben. Selbst den Hühnern haucht die Autorin Leben ein. Die griechische Insel wird dadurch lebendig, wir spüren beim Lesen die Sommerhitze, Motorengeräusche  und haben den Geruch der Putzmittel in der Nase, als die Straße gereinigt wird.
Überzeugend schildert Hollatko die Beziehung vertrauter Personen, etwa Großvaters Überzeugung: „So ist es recht“. Die ganze Atmosphäre vermittelt Stabilität, Schutz, Vertrauen. Dahinter verbirgt sich ein Familienkonflikt, der zwischen Mantos Eltern. Ein Schweigen breitet sich aus, denn offen gesprochen wird nicht darüber, doch Manto ist mittendrin, erlebt jede Nacht, Wand an Wand, die Streitigkeiten der Eltern und hört ihre Schreie. Sie ist in alle Dinge involviert, direkt, auch wenn Niemand mit ihr darüber spricht.
Ein unbeschwerter Sommer, der überschattet wird durch das Zerstören einer langjährigen Bindung. Ein leises Buch, das den Mythos der unbeschwerten Kindheit infrage stellt, die Unvollkommenheit Erwachsener thematisiert und einige Lücken und Fragen beim Leser hinterlässt. Ein Kinderbuch mit einem melancholischen Grundton, das den Leser/ die Leserin teilhaben lässt an einem unbeschwerten Kinderleben, das plötzlich brüchig wird, als die Eltern sich trennen.
Lizzy Hollatko wurde 1971 in Südafrika geboren. Für ihre Ausbildung zur Tanzpädagogin zog sie nach Deutschland und später nach Griechenland, bevor sie 2005 nach Wien zurückkehrte, wo sie heute lebt und arbeitet. Sie erhielt den DIXI Kinderliteraturpreis 2005 und schreibt für Kinder. Ihr erster Roman „Der Sandengel“ erschien 2014 im Verlag Jungbrunnen und wurde sowohl mit dem Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien als auch mit dem Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet.
Liizy Hollatko hat 2017 für dieses Buch den Kinder- und Jugendbuchpreis der Stadt Wien erhalten.