Buch des Monats August 2018

Noemi Lerch: Grit. Verlag Die Brotsuppe. Biel/Bienne. 2017, 100 Seiten.
ISBN: 978-3-905689-85-3

Dialoge einer Mutter-Tochter-Beziehung
2015 veröffentlichte Noëmi Lerch ihr Debüt „Die Pürin“, das auf Anhieb mit dem Nova-Schillerpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. In „Grit“ steht die folgenreichste Beziehung zwischen zwei Menschen, die zwischen Mutter und Tochter, im Mittelpunkt. Die Protagonistinnen könnten unterschiedlicher nicht sein: Mutter Grit macht Karriere, die jedoch abrupt nach dem Interview mit einem Nashorndompteur endet. Eine Kommunikation mit Zuckerbrot und Peitsche? „Wozu brauche er, der Nashorndompteur, eine Peitsche mit Eisenhaken, um mit dem Tier kommunizieren zu können?“, will Grit wissen. Das Tier war es, worum es Grit ging. Die Redaktion rät zu einer Erholungspause. Für die Kinder unerreichbar, schließt sich Grit fortan ein in ihrem Büro, arbeitet Papierberge ab, will nicht gestört werden. Zur Erholung soll sie in die Berge. Als sie zurückkommt, ist ihr Haar schlohweiß.
Tochter Wanda verbringt ihr Leben auf dem Bauernhof, versorgt Kühe, Hühner und zwei Kleinkinder. Dabei war es Grit, die von Anfang an mit den Tieren sprach. Und jetzt steht Grit, mittlerweile grauhaarig, am offenen Fenster, eingehüllt in den Offiziersmantel ihres Vaters. Was bleibt noch übrig  vom gemeinsamen Leben?
In fünfunddreißig Kapiteln blicken Mutter und Tochter auf zurückliegende Jahre, denken nach über die Freiheit und die Bedeutung von Glück. Es gab Zeiten, da fürchtete Wanda „ihre Mutter würde plötzlich verschwinden und all die Rätsel...ungelöst und unwiederbringlich mit sich nehmen“ (S.22). Zärtlich bis fürsorglich anmutende Dialoge geben atmosphärisch Auskunft über diese Mutter-Tochter-Beziehung, die zuweilen ins Fantastische kippen, an Kafka erinnern, den Textfluss  jedoch bereichern. Lerch berührt existenzielle Fragen wie Tod und Abschied. Trotzdem schwingt im Subtext eine gehörige Portion Zuversicht.
Noëmi Lerch, geboren 1987, studierte am Literaturinstitut Biel und an der Universität Lausanne. Das Buch möchte ich vor allem Jugendlichen empfehlen!
Cornelia Stahl

Das Buch ist im KIBI entlehnbar.