Nuch des Monats November 2018

Erich Hackl: Am Seil. Eine Heldengeschichte.
Zürich: Diogenes Verlag. 2018.
ISBN: 978-3-257-07032-3


Zivilcourage statt „Selfie“
Das Covermotiv zeigt eine „Berglandschaft“, von Alfons Walde. Im blauzackigen Bergmassiv sind Wanderer und Bergsteiger unterwegs, wollen hoch hinaus. Einer von ihnen ist Reinhold Duschka (1900 – 1993), ein ganz gewöhnlicher Kunstschmied und Hobbybergsteiger, der in Wien eine Werkstatt betreibt und sonntags seinem Hobby nachgeht. Allein Lucia Heilman weiß um die Einzigartigkeit dieses Mannes. Sie erzählt uns ihre Geschichte. Nicht irgendeine, sondern eine Heldengeschichte, in deren Mittelpunkt Reinhold Duschka steht, der eigentlich ein Flachländer ist, aus Berlin. Piefke würde man heute sagen.
In Wien verbindet ihn die Freundschaft mit Rudolf Kraus, mit dem er fortan jeden Sonntag auf irgendeinen Berg steigt. Die beiden gehören einer Gruppe an, die sich regelmäßig trifft, über Gott und die Welt, die letzten Tage der Menschheit, das Rote Wien und wer weiß über war noch alles diskutiert. Regina, eine attraktive Frau, gehört ebenfalls zur Runde. Freundlich ist sie.
Doch bereits Anfang März 1938, kurz nach dem Anschluss, wird die Wiener Gemeindebedienstete entlassen. Das Dienstmädchen bleibt der Wohnung fern, weil ihr nicht zugemutet werden kann, in einem jüdischen Haushalt zu arbeiten. Auch ihre Tochter Lucia muss unfreiwillig die Schule verlassen, die fortan nur für ARIER bestimmt ist.  Als Regina eines Tages mit ihrer Tochter gerade nach Hause gehen will, erblickt sie einen Lastwagen, der vor der Haustür steht und Personen drängt, einzusteigen. Was nun beginnt, ist ein Versteckspiel vor den Nationalsozialisten. Regina und Lucia können in Reinholds Werkstatt untertauchen. Um der täglichen Angst zu entfliehen, bindet Reinhold Duschka die Beiden in seine Arbeitsvorgänge ein, erklärt der kleinen Lucia wie man sägt, feilt. Er war einer, der „nicht auf seine Autorität pochte“, so erinnert sich Lucia Heilmann Jahre später noch. Nach dem Krieg erfährt sie von deportierten jüdischen Freunden. Sie selbst hat überlebt.
„Am Seil“ erzählt von der selbstlosen Rettungsaktion eines Mannes, der sich nie als Held sah, einer, der zwei  jüdische Frauen vor dem Holocaust bewahrte. Ein Abbild für Zivilcourage, die man sich heute häufiger wünschen würde, statt geposteter Selfies, die das Abbild einer narzisstischen Gesellschaft sind! Erich Hackl, geboren 1954 in Steyr, erzählt in knappem Ton, temporeich und spannend. 2017 erhielt er den Menschenrechtspreis des Landes Oberösterreich.

Unbedingt lesen! Das Buch ist im Kibi entlehnbar!