Buch des Monats Dezember 2018

Norbert Hummelt: Der Atlas der Erinnerung.

2018. Wädenswill: Nimbus-Verlag.
167 Seiten.

ISBN-13: 9783038500483

Geographische Räume in Texträume verwandeln
„Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.“ Dieses Zitat von Hermann Hesse mag nicht nur auf Lebensstufen zutreffen. In Hummelt´s Buch sind Anfänge, Textanfänge, verheißungsvoll, machen Lust auf das Kommende. Machen sozusagen bereit, bereiten den Weg für und an jene Orte, an die es den Autor in den zurückliegenden Jahren gezogen hat. Es sind geographische sowie literarische Orte der Erfahrung, die er vor uns ausbreitet.
In kreisförmigen Bewegungen, von der Mitte beginnend, erforscht er als Kind die heimatliche Gegend rund um Neuss, wo der Autor auswuchs. Nach und nach erweitert sich der Radius. Als Jugendlicher fährt er in die Großstadt Köln, um ohrenöffnende Entdeckungen aufzuspüren. Zwischen Kaufhäuser, Baustellen und kollektiven Erinnerungsdenkmälern sammelt er akustische und optische Erfahrungen. Gewohnheiten stellen sich ein, bilden den Habitus. Erst mit dem Umzug nach Berlin und der Grenznähe zur Neiße und dem Nachbarland Polen, scheint Unentdecktes auf ihn zu warten. Tatsächlich stößt er auf das Kultur- und Bildungszentrum Eichendorff, das  sich vollkommen dem verstorbenen Dichter widmet.   

                                                                                                                 
Irrwege als Orientierung
Was für Norbert Hummelt im jugendlichen Alter mit Landkarten begann, setzte sich fort in Literaturlandschaften. Mit dem Lesen von Karten entwickelte der Autor ein Gespür für Maßstäbe, Grenzen, Abzweigungen. Dieses Wissen übersetzt er auf literarische Räume und Texte, setzt Grenzen, lässt Leerstellen, erzeugt Stimmungen, stößt aber mitunter auch auf Grenzen, wie zum Beispiel in Großstädten wie Köln oder Berlin, in denen es ein leichtes ist, sich zu verlaufen und die Orientierung zu verlieren. Nach einem Missgeschick des Verirrens, welches mir früher regelmäßig widerfuhr, ärgerte ich mich  immer wahnsinnig über mich selbst. Dank Hummelt kann ich nun getrost damit umgehen: Irrwege und Abzweigungen gehören zur Orientierung, in der Literatur wie auch im Leben.
In vierundzwanzig Prosastücken kommen Lesende den Erinnerungslandschaften des Autors ein Stückchen näher, erkennen in den Texten den Lyriker. Wohlgeformte Prosa hat Hummelt da vorgelegt, die genussvoll zu lesen sind und das Gefühl der Entschleunigung in sich tragen.
Norbert Hummelt, 1962 in Neuss geboren, studierte Germanistik und Anglistik in Köln. Derzeit wohnt er als Lyriker, Essayist und Übersetzer in Berlin. Bisher veröffentlichte er acht Gedichtbände, zuletzt „Fegefeuer“. Seit 2003 schreibt er für die NZZ- Neue Zürcher Zeitung.

Empfehlenswerte Lektüre! Im kibi entlehnbar!