Buch des Monats April 2019

Delphine de Vigan: Loyalitäten.
2018, 2. Aufl., 176 Seiten, Deutsch, Übersetzer: Doris Heinemann,
Verlag: DUMONT BUCHVERLAG,
ISBN-13: 9783832183592,

Wenn Jugendliche ihre Einsamkeit in Alkohol ertränken
Familie als Ideal. Familie als Schicksal? De Vigan weiß um die Gesichter, die sich hinter Familien verbergen können. In ihrem aktuellen Roman „Loyalitäten“ legt sie den Finger in die Wunde und skizziert Missstände zwischenmenschlicher Beziehungen.
Da ist zunächst Scheidungskind Theo, der wöchentlich zwischen den elterlichen Wohnungen pendelt. Von der Mutter muss er sich Hassparolen anhören, die den Vater betreffen und indirekt auch ihn, und daher gleichermaßen verletzen. Die Wunden, kaum geheilt, brechen wieder auf, sobald die Mutter die Hasstiraden über ihm ausgießt wie einen mit schwarzem Teer gefüllten Kübel.
Zum Glück gibt es Freund Mathis, mit dem Theo Freizeit und Wodka teilt. „Es ist eine Wärmequelle (…) weiß, brennend, versengend und schmerzlich und tröstlich zugleich (S.11), so umschreibt Theo die wohltuende Wirkung des Alkohols auf seinen Körper. In der Schule fällt Theo nur indirekt auf. Seine Lehrerin Helene, selbst traumatisiert, beobachtet ihn, analysiert sein rätselhaftes Verhalten. Doch Mathis hält dicht, bleibt loyal, sorgt dafür, dass nichts von ihrem Geheimnis nach außen dringt.
De Vigan hat ein wichtiges Buch vorgelegt, das ein Tabuthema, Alkoholkonsum unter Jugendlichen unter die Lupe nimmt. Indirekt fragt sie nach Grenzen von Loyalität, fordert dazu auf, im eigenen Umfeld genauer hinzuschauen, Schweigen und Schönfärberei nicht zu dulden. Ihr gelingt eine eindringliche Figurenzeichnung. In knappen Sätzen erschafft die Autorin eine bedrückende Melancholie, die dem Leser mitunter den Atem nimmt.
Delphine de Vigan, geboren 1966, lebt in Paris, veröffentlichte 2017 ihr Debüt „Tage ohne Hunger“. Zuvor, 2015, erhielt sie den „Prix Renandot“. 

Erwachsenen und Jugendlichen gleichermaßen empfohlen!

Cornelia Stahl

Sie können das Buch im kibi ab sofort entlehnen!