Buch des Monats Juni 2020

Lutz Seiler: Stern 111.
Berlin: Suhrkamp. 2020. 391 Seiten.
ISBN: 978-3-518-42925-9

„Träume“ der Nachwendejahre im Herbst 1989
Stern 111 – für das Buch erhielt Lutz Seiler, geboren 1963 in Gera, den Preis der Leipziger Buchmesse 2020. Darin erzählt er die Auswanderergeschichte des Ehepaares Bischoff, genau zwei Tage nach der Öffnung der Berliner Mauer im November 1989, und verknüpft diese mit der Geschichte ihres (zurückgelassenen) Sohnes Carl, der sich um Haus, Garten, die Garage samt Shiguli (einem sowjetischen fahrbaren Prachtstück), kümmern soll. Gleich auf der ersten Seite liest man: „Meinen Eltern gewidmet“ und vermutet eine autobiografische Grundierung des Romanes. Ganz falsch liegt der Lesende dabei nicht.

Erzählt wird auf zwei Ebenen: da ist zunächst der Briefwechsel zwischen Carl und seiner Mutter, die über den Fortgang des Ehepaares in den Westen Deutschlands berichtet. Die zweite Ebene umfasst die Gedanken Carls, der das elterliche Haus ebenfalls verlässt und in einer Berliner Wohngemeinschaft und im Untergrundlokal, in der Assel, nach einem Neuanfang sucht. Zwischen den Zeilen lesen wir von einer Liebesgeschichte, die sich zwischen Carl und Effi entspinnt, die anfänglich als Symbiose zwischen der Bildenden Künstlerin und dem Lyriker erscheint.

Innere Monologe Carls versinnbildlichen die gedankliche Auseinandersetzung, die mit dem Weggang seiner Eltern verbunden sind: Sie folgten dem lang gehegten Traum, von dem Carl nichts wusste. Zuvor hatte er sich keine Sorgen um sie gemacht: „Eltern waren sicherer Boden“ (S.13). Und nicht nur jetzt spürt er ein unangenehmes, schmerzliches Gefühl: „Vermisst, ja, seltsam, er hatte seine Eltern vermisst“ (S.13).
Der vernimmt Lesende die innere und äußere Leere, das Vakuum, dem Carl nun ausgesetzt ist.

Und auch von Carls geheimen Träumen erfahren wir im Subtext, denn auch er hegte jahrelang, wie seine Eltern, einen geheimen Traum in sich: den Traum von einem poetischen Dasein. Dieser nimmt allmählich Gestalt an, in seiner Berliner Behausung, seinem Zimmer: drei alte Matratzen bindet er provisorisch zu einem Floß (einem Bett) zusammen. Seine Schreibversuche, an denen er an seinem Nachtschränkchen emsig arbeitet, werden von den MitbewohnerInnen bewundert. Als ein Verlag ihn um den Abdruck von vier seiner Gedichte bittet, gerät ein Stein ins Rollen.

Lutz Seiler schildert Nachwendejahre authentisch sowie spezifisches, sozialisationsbedingtes Aufwachsen in einem ehemals sozialistischen Land. Die Sparsamkeit der Eltern wird auch nach ihrem Fortgang in den Westen Deutschlands beibehalten. Und auch die Abwertung jener Menschen, die ursprünglich im Osten Deutschlands geboren wurden, bekommt der Vater zu spüren: Als Trainer muss er seine wahre Herkunft verdecken.  All das fügt sich zu einem Panorama der Nachwendejahre. Der neue Lebensstandard der Eltern vermischt sich mit Dingen und Gedanken an früher: „an das erste Radio, das Stern 111, mit der goldenen Blende“ (S.340).

Herkunft kann man nie verleugnen!  Eine unbedingte Leseempfehlung aus dem kibi!