Buch des Monats Dezember 2020

Annie Ernaux: Der Platz.
Berlin: Suhrkamp-Verlag. 2019.
ISBN: 9783518225097

Alles hat/braucht seine Zeit
Die oben genannte Aussage kennen wir aus der Bibel, und immer wieder bewahrheitet sie sich in der Realität. So trifft die Aussage ebenso auf den Roman „La Place“ von Annie Ernaux (1940 in Frankreich geboren) zu, der 1983 in Frankreich mit Erfolg gekrönt, seinen Platz in der französischen Literaturszene fand. Im deutschsprachigen Raum ließ das Echo auf diesen Roman lange auf sich warten. 1986 in deutscher Übersetzung, mit dem Titel „Das bessere Leben“ erschienen, wurde er kaum wahrgenommen. Erst 2019 brachte Suhrkamp „Der Platz“ heraus. Mit „La Place“ legt die Autorin einen autobiografischen Bericht über ihren Vater vor, der einen Wendepunkt in Ernaux´s Werk und in der französischen Literatur markiert.
Gegenwärtig erscheinen zunehmend mehr soziologisch-literarische Texte wie „Rückkehr nach Reims“ (Didier Eribon), oder „Mein Kampf 1-6“ (Ove Knausgård).  Ernaux‘ Buch „La Place“ („Der Platz“) hebt sich dennoch von den beiden zuvor genannten Autoren ab. Auffallend ist der literarische Stil der Verknappung. Ernaux schreibt scheinbar einfache, schnörkellose, schlichte setzte und konzentriert sich dabei hauptsächlich auf eine Figur: den eigenen Vater, der im Laufe der Schilderungen und Beschreibungen so etwas wie eine Entwicklung durchläuft: vom Knecht und Fabrikbesitzer steigt er auf ins Kleinbürgertum, wird Lebensmittelladen- und Gasthausbesitzer. Die Scham gegenüber höhergestellten, gebildeten Menschen bleibt dennoch unbewusst präsent im Alltagsleben. Seinen „Platz“ möchte er beibehalten, verteidigt ihn insgeheim. Als seine Tochter (Annie Ernaux) studiert und ihr Examen abschließt, empfindet sie ihren „Aufstieg“ als „Verrat“ gegenüber dem Vater und der eigenen Herkunft. Der sachliche Stil wirkt emotionslos, zeigt aber die notwendige Distanz zwischen Autorin und Figur.

Sehr vielstimmig, unbedingt lesen!

Ab sofort im KIBI entlehnbar!