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Buch des Monats Februar 2022

Maxim Biller: Sechs Koffer. Roman.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018.
198 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-13: 9783462050868


Gibt es guten und schlechten Verrat?
Im Jahr 1958 wurde Nikita S.Chruschtschow zum Regierungschef der Sowjetunion gewählt. Zeitgleich begann in Berlin eine politische Krise, die sich in der DDR in einer  zunehmenden Kontrolle und Einflussnahme durch die Sowjetunion zeigte. Eine Ära, in der Verhaftungen nicht ungewöhnlich waren, wie wir Oleg Penkowskij´s Werk: „Geheime Aufzeichnungen“ (Droemer Knauer, 1966) entnehmen können.
Es ist die Zeit des Kalten Krieges, die Maxim Biller für seinen Roman wählt, um eine russisch-jüdische Familientragödie, eine Fluchtgeschichte, die 1970 von Prag nach Hamburg führt, zu erzählen. Überschattet wird der familiäre Zusammenhalt vom Gerücht der Denunziation (in der eigenen Familie), was durch Strukturen der Staatssicherheit nicht unüblich war. In Folge brechen die Brüder den Kontakt zueinander ab. Der in den Konflikt involvierte Protagonist bleibt ratlos zurück. Die Geheimnisse vom Verrat des eigenen Vaters entfalten sich als permanentes Hintergrundrauschen.
Der Ich-Erzähler wird selbst zum Spion, agiert detektivisch, stöbert in Unterlagen des Onkels, als dieser seinen beruflichen Verpflichtungen nachgeht.
Beiderseitiges Misstrauen zwischen Onkel und Neffen wendet sich überraschend in ein vertrauensvolles Miteinander. Latenter innerfamiliärer Hass im Kontext eines antisemitisches Umfeldes wirkt hier als Giftspritze. Politische Verhältnisse beeinflussen familiäre,  verunmöglichen ein liebevolles Miteinander und Vertrauen.
„Lev hasste Dima (seinen Bruder) bestimmt dafür, dass er damals, im Sommer 1960, nach seinem (…) misslungenen Fluchtversuch in den Westen den Staatssicherheitsleuten alles über ihre illegalen Geschäfte meines Großvaters verraten hatte“ (S.61/62).
Biller gelingt eine präzise Figurenzeichnung. Sein lakonischer Stil fesselt den Lesenden. Ein Roman, den man nicht mehr aus der Hand legen möchte. Unbedingt lesen!

Maxim Biller, geboren 1960 in Prag, lebt seit 1970 in Deutschland. Folgende Romane erschienen bisher (Auswahl): »Die Tochter«, »Esra«, die Erzählbände »Wenn ich einmal reich und tot bin«, »Land der Väter und Verräter« und »Bernsteintage«. »Sieben Versuche zu lieben. Familiengeschichten« (2020). Sein Bestseller »Sechs Koffer« stand auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2018.

- Das Buch ist im Kibi entlehnbar -